Wein und Menschen, Teil 7: Hermann Müller(-Thurgau)




Hermann Müller
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Viele Weine wurden nach Menschen benannt, nach ihren Züchtern etwa, wie die Scheurebe oder der Morio-Muskat oder nach anderen berühmten Personen, die etwas mit Wein zu tun hatten, wie etwa der Kerner.

Vor allem aber Rebenzüchtern wurde oftmals die Ehre zuteil Namensgeber für eine „ihrer“ Rebzüchtungen zu werden und so verdankt auch eine der wichtigsten Rebsorten Deutschlands, der Müller-Thurgau, seinen Namen seinem Züchter: Hermann Müller, genannt Müller-Thurgau.

Geboren wurde Hermann Müller am 21. Oktober 1850 in Tägerwilen, einer kleinen Ortschaft im Kanton Thurgau in der Schweiz. Er entstammte einer Bäcker- und Winzerfamilie im Ort. Nachdem er die Schule der Ortschaft verlassen hatte, ging er an ein Lehrerseminar in Kreuzlingen bei Konstanz. Nach erfolgreichem Abschluss begann er seine Laufbahn als Lehrer an der städtischen Realschule in Stein am Rhein, im Kanton Schaffhausen, einem Ort, der noch heute vor allem wegen seines historischen Stadtkerns berühmt ist.

Offenbar erfüllte ihn der Lehrerberuf aber nicht wirklich und so ging er nach Zürich, an das dortige Polytechnikum, das heute als Eidgenössisch Technische Hochschule, kurz ETH bekannt ist. Hier bildete er sich weiter und schloss das Studium im Herbst des Jahres 1872 mit einem Fachlehrerdiplom für Naturwissenschaften ab.

Julius Sachs
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Er scheint Gefallen gefunden zu haben an der wissenschaftlichen Arbeit und am Studium, denn von Zürich aus ging er an die Universität nach Neuenburg (Neuchâtel), die 1838 von Friedrich Wilhelm IV. von Preußen gegründet worden war, der ebenfalls Fürst von Neuenburg war. Hier allerdings blieb er nur kurz und wechselte bereits 1873 an das Botanische Institut der Universität Würzburg, wo er bis ins Jahr 1876 blieb. In Würzburg studierte er bei Julius Sachs, der sich besonders im Bereich Artenschutz engagierte und Lehrer zahlreicher bekannter Botaniker war, wie etwa Francis Darwin, dem Sohn Charles Darwins.
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Im Jahr 1874 promovierte Hermann Müller bei Julius Sachs und blieb zwei weitere Jahre als dessen Assistent in Würzburg. Danach zog es ihn nach Geisenheim, an die pflanzenphysiologische Versuchsstation. 14 Jahre wirkte er an der Forschungsanstalt Geisenheim, bevor er 1891 einen Ruf an die deutsch-schweizerische Versuchsstation in Wädenswil, im Kanton Zürich, erhielt und die Leitung der heutigen Agroscope Changins-Wädenswil übernahm.

In seiner Geisenheimer Zeit lernte er auch seine aus Oestrich stammende Frau Bertha Anna Biegen kennen, die er 1881 heiratete du mit der er drei Töchter hatte.

Bahnbrechend waren vor allem seine Arbeiten auf dem Gebiet der Rebenphysiologie, sowie zur Phytopathologie der Reben, wobei er sich vor allem mit den Problemen des Befalls mit Falschem Mehltau, Botrytis und Rotem Brenner beschäftigte. Als erster Botaniker erkannte er den Zusammenhang zwischen Klimaeinflüssen und den Ruheperioden bei Reben, Obstbäumen und anderen Pflanzen.

Auch im Forschungsbereich Kellereiwesen war er aktiv und erforschte die Möglichkeiten zur Steuerung der alkoholischen Gärung, den biologischen Säureabbau und Fehlentwicklungen bei Gärung und Reifung von Weinen. 

Aus heutiger Sicht kann man Hermann Müller als einen sehr fortschrittlichen Mann ansehen, denn auch die Herstellung vollständig alkoholfreier Traubensäfte beschäftigte ihn über lange Zeit hinweg, ebenso wie die Züchtung von Gärhefen. Bis heute gilt Hermann Müller aus Thurgau weltweit als Pionier auf dem Gebiet der unvergorenen und pasteurisierten Obstsäfte.
Müller-Thurgau
Müller-Thurgau Rebe, Foto: Anja Kircher-Kannemann

Wirklich berühmt aber machte ihn eine Rebsorte, die er züchtete: der Müller-Thurgau! Laut seinen Angaben kreuzte er Riesling und Silvaner, um diese neue Rebsorte zu erhalten, die heute (nicht nur) in Deutschland längst zu den beliebtesten und am weitesten verbreiteten Rebsorten zählt. Gentechnische Untersuchungen im Jahr 1998 ergaben, dass Hermann Müller bei Kreuzung jedoch geirrt hatte, denn realiter ist der Müller-Thurgau eine Kreuzung aus Riesling und Madeleine Royale. 

Dies allerdings tut der Leistung Hermann Müllers keinesfalls einen Abbruch und dem Müller-Thurgau im Übrigen auch nicht. Bis heute ist diese Rebsorte ausgesprochen beliebt, nicht zuletzt durch ihre hohe Fruchtbarkeit, ihre Frühreife, sowie den hohen Zucker- und niedrigen Säuregehalt.
Bis zum Jahr 1924 blieb Müller-Thurgau Direktor der Versuchsstation in Wädenswil und wurde außerdem im Jahr 1902 zum Professor ad interim für Botanik am Polytechnikum in Zürich berufen.
Als Hermann Müller, genannt Müller-Thurgau, am 18. Januar 1927 in Wädenswil starb, war er einer der berühmtesten Botaniker auf dem Gebiet der Reben und konnte auf über 200 wissenschaftliche Publikationen zurückblicken, die er verfasst hatte.


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