100 Jahre Scheurebe



Scheurebe
Nein – scheu ist sie nicht - die Scheurebe - sie ist eher eine kleine Diva, die gerne Aufmerksamkeit bekommt. Insoweit wird es ihr Recht sein, dass sie in diesem Jahr einen runden Geburtstag feiert und reichlich Aufmerksamkeit erfährt, vor allem bei Winzern, denn viele haben eine Sonderedition dieser ganz speziellen Rebsorte zu Ehren ihre 100. Geburtstags aufgelegt.
„Geboren“ wurde die Scheurebe im Jahr 1916 als „Sämling 88“. Ihr „menschlicher“ Vater war Georg Scheu, nach dem sie dann auch irgendwann benannt wurde. Aber der Reihe nach:

Seit dem Jahr 1909 arbeitete der in Krefeld geborene Georg Scheu als Leiter der Rebschule bei der Landwirtschaftskammer der Provinz Rheinhessen in Alzey. Schon früh hatte der 1879 geborene Georg Scheu seine Liebe zu den Reben entdeckt und war im Jahr 1900 als Gartenbautechniker an die Lehr- und Forschungsanstalt nach Geisenheim im Rheingau gegangen.

Geschichte des „Sämling 88“

In Alzey widmete er sich vor allem der Neuzüchtung von resistenten Rebsorten und im Zuge dieser Forschungen entstand dann der „Sämling 88“. Scheu selbst war davon überzeugt, dass er diese neue Rebsorte aus den bekannten Rebsorten Silvaner und Riesling erschaffen hatte und als eine solche Kreuzung galt die Scheurebe auch sehr lange. Aber wie es so ist in der Natur, manchmal werden einem auch Kuckuckskinder untergeschoben. So jedenfalls erging es dem Silvaner, denn er ist nicht die Muttersorte der Scheurebe. Sehr wohl aber ist der Riesling der Vater. Erste Genanalysen ergaben in den 1990er Jahren, dass eine wohl unbekannte Wildrebe die eigentliche Muttersorte ist. Erneute Analysen im Jahr 2012 wiesen dann die „Bukettrebe“ als Mutter der Scheurebe aus.
Schaut man sich dieses Elternpaar an, dann wird klar, wenn die Scheurebe nicht weit vom Stamm fällt, dann muss sie wohl ein herausragendes Bukett besitzen und eine zumindest leichte Säure und so ist es auch tatsächlich: Sie kann ihre Eltern nicht wirklich verleugnen.
Aber erst einmal weiter mit dem Lebenslauf unserer Jubilarin: Nachdem das gar nicht scheue Kind geboren war, trug es also zunächst den Namen „Sämling 88“ oder auch kurz „S 88“. Ein paar Mensch nannten sie auch „Scheu’s Liebling“, ein liebevoller Spitzname, wie er viele Kinder schmückt. Georg Scheu allerdings fand den Gedanken nicht sehr angenehm, dass eine Rebsorte nach ihm benannt wurde und lehnte rundheraus ab, es blieb also bei der sperrigen und unvorteilhaften Benennung. Die aber konnte nun keinesfalls zur Popularität der neuen Rebsorte beitragen und so war ihr das Schicksal beschieden ausgerechnet von den Nationalsozialisten einen Namen aufoktroyiert zu bekommen: „Dr. Wagner Rebe“ sollte sie nun heißen (Dagegen war Sämling ja noch geradezu ein schöner Name). „Dr. Wagner“, genauer Dr. Richard Wagner war übrigens Landbauernführer von Hessen-Nassau und NSDAP Politiker.
Zum Glück währte die Zeit mit diesem Namen nicht 1000 Jahre, sondern nur bis 1945. Da nämlich kehrte man wieder zurück zur alten Bezeichnung und nannte sie nun kurz und knapp „S 88“. Diese Bezeichnung hat die Scheurebe in Österreich noch heute. Wer sie also dort sucht: Bitte mit dem richtigen Namen ansprechen!

Scheurebe
By Dankwart Delor (German Wikipedia), Upload by Wamito (from German Wikipedia)

Scheurebe gestern und heute

Nur in Deutschland hatte man im Jahr 1950 (Georg Scheu war 1949 gestorben und konnte sich nicht mehr wehren) das dringende Bedürfnis, sich über die Wünsche des „menschlichen“ Vaters hinwegzusetzen und „S 88“ in Scheurebe umzubenennen, was auch geschah und sich tatsächlich einbürgerte. So heißt die bukettreiche kleine Diva also heute „Scheurebe“ und wird von Liebhabern schlicht als „die Scheu“ angesprochen, was ihr eine gewisse Stellung verleiht, denn immerhin ist man ja eine kleine Diva und Greta Garbo oder Marlene Dietrich werden ja auch nicht mit vollem Namen bezeichnet, sondern nur als „die Garbo“ oder „die Dietrich“ betitelt.
Und außerdem hat man sich als „Scheu“ ja inzwischen auch einen Ruf erarbeitet, denn immerhin gilt man neben dem Kerner als erfolgreichste deutsche Neuzüchtung im Weißweinbereich und das will ja auch nach außen getragen werden. Das sieht übrigens auch das Deutsche Weininstitut So und schreibt über die Scheurebe: „Von rund 1.400 Hektar Rebland, das aktuell mit Scheurebe bestockt ist, liegen 740 Hektar in Rheinhessen, etwa 350 in der Pfalz und 105 an der Nahe. Aber auch im Badischen und Fränkischen kümmern sich Winzer mit guten Ergebnissen um die aromatische Sorte. Mit einem Flächenanteil an der deutschen Rebfläche von 1,4 Prozent gilt die Scheurebe als eine der erfolgreichen deutschen Neuzüchtungen.“
Damit ist die „Scheu“ übrigens in den Kreis der 33 häufigsten Rebsorten Deutschlands aufgenommen und das will schon etwas heißen, wenn man bedenkt, dass in Deutschland über hundert Rebsorten zugelassen sind.

Scheurebe: Wein und Sekt

Scheurebe Traubensaft
In ihren Anfängen hat man unsere Jubilarin übrigens hauptsächlich lieblich ausgebaut und viele Menschen halten sie noch heute für eine der Rebsorten, die „eigentlich nur lieblich gehen“. Aber zum Glück wandeln sich Geschmäcker und es wandeln sich auch Ansichten und so trifft man die Scheurebe immer häufiger auch als trocken ausgebauten Wein an und das ist ein echtes Vergnügen, wenn es denn richtig gemacht wird.
Sicher sind gerade jetzt zum Jubiläum der „Scheu“ viele Scheurebe-Weine auf den Markt gekommen, die die Welt nicht wirklich gebraucht hat, aber es gibt auch Winzer, die diese Rebsorte schon immer geliebt und favorisiert haben und die sich zum Jubiläum nochmal etwas ganz Besonderes ausgedacht haben und da gibt es dann tatsächlich Highlights, die hat die Welt gebraucht und bisher auch ehrlich gesagt sagt vermisst. Also lassen Sie uns feiern:100
Jahre
Scheurebe


Lassen wir die Korken knallen und probieren wir doch einfach mal die ein oder andere Scheurebe mehr und feiern wir mit ihr ihren 100ten Geburtstag!
Schuerebe Sekt

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