Wein und Menschen, Teil 1: Justinus Kerner



Wein ist nicht nur ein Getränk. Wein ist auch ein Kulturgut und Wein hat vor allem auch immer viel mit Menschen zu tun. Menschen machen den Wein, sie bearbeiten die Reben, sie pressen die Trauben, beäugen den Saft in den Fässern und im Keller und stellen daraus möglichst köstliche Tropfen her. Aber es gibt auch noch zahlreiche andere Menschen, die sich mit Wein beschäftigen und die uns nicht gleich so präsent einfallen wie etwa der eben beschriebene Winzer. Rebenzüchter etwa oder auch Endomologen, die sich mit den Schädlingen befassen, die den Rebstock befallen können oder auch Dichter, die zahlreiche Werke ihrem liebsten Trank gewidmet haben und den Landschaften, die durch den Weinbau geprägt sind.

In loser Folge möchte ich Ihnen hier solche Menschen vorstellen, Menschen, die dem Wein einen mehr oder minder großen Teil ihres Lebens gewidmet haben und die oftmals sehr spannende Gestalten sind.
Anfangen möchte ich diese Reihe von Menschen mit einem Mann, der nicht nur gerne Wein trank und über ihn schrieb, sondern dem auch die Ehre zu Teil wurde Namenspatron eines Weines zu werden, der leider heute nicht mehr so viele Fans hat, obwohl er zu den schönsten Rebsorten zählt (so zumindest meine vollkommen unmaßgebliche Meinung).

Kerner – ein Mann und ein Wein

Justinus Kerner gemalt von Ottavio d'Albuzzi
(gest. 1855) Public Domain via
Wikimedia Commons
Der Mann heißt Kerner, nein nicht Johannes B. Er heißt, bzw. hieß: Justinus Andreas Christian von Kerner; den meisten bekannt als „Justinus Kerner“. Geboren wurde er am 18. September 1786 in Ludwigsburg. Sein Vater und Großvater waren Oberamtmänner in Ludwigsburg, hohe Verwaltungsbeamte also, die hohes Ansehen genossen. Justinus war das jüngste von insgesamt sechs Geschwistern und nicht der Einzige, der noch heute eine gewisse Bekanntheit genießt, denn sein 16 Jahre älterer Bruder Johann Georg erlangte als Publizist und kritischer Chronist der Französischen Revolution einen gewissen Ruhm, ähnlich wie auch der 1775 geborene Karl Friedrich, der als General, Hüttenfachmann, Bergrat und Innenminister des Königreichs Württemberg von sich reden machte.
Aber kehren wir zurück zu Justinus: Zur Schule ging er in Ludwigsburg, Maulbronn und Knittlingen. Als sein Vater 1799 starb bestimmte die Mutter, dass er eine Kaufmannslehre im Kontor der herzoglichen Tuchfabrik in Ludwigsburg zu absolvieren habe. Offensichtlich war dies nicht die glücklichste Zeit in seinem Leben und er begann Gedichte zu verfassen; zur Ablenkung und sicher auch, um seinem Schöpfergeist Genüge zu tun.
Es war sicherlich ein Glück, dass sein ehemaliger Lehrer Karl Philipp Conz, der inzwischen Professor für Klassische Philologie an der Universität Tübingen geworden war, die Mutter Kerners überreden konnte den Sohn studieren zu lassen und so zog Justinus nach Tübingen und studierte dort von 1804 bis 1808 Medizin und Naturwissenschaften. 1808 schloss er das Studium mit der Promotion ab.
By kolorierter Stich nach einem verschollenen Ölgemälde von Heinrich von Rustige (1810–1900) (Goethezeitportal) [Public domain], via Wikimedia Commons
Nicht nur seinen beruflichen Werdegang prägte und bestimmte dieses Studium, sondern auch seine dichterischen Ambitionen, denn er lernte Ludwig Uhland und Gustav Schwab kennen und freundete sich mit beiden an. Später kam auch noch eine Freundschaft mit Karl August Varnhagen von Ense hinzu. Aber es war Uhland, der großen Anteil daran hatte, dass Kerner die Liebe seines Lebens fand, denn es war eine Geburtstagsfeier des Dichters, auf der Justinus und Friederike (geb. Ehmann, 1786-1854) sich kennenlernten. Im Jahr 1813 heirateten die beiden und bekamen in den Jahren 1813 bis 1822 insgesamt drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn.
Den Beruf des Arztes übte Justinus Kerner seit dem Jahr 1810 aus. Zunächst in Dürmenz, dann ab 1811 als Badearzt in Wildbad angestellt, ging er 1812 nach Welzheim. Von dort wurde er im Jahr 1815 zum Oberamtsarzt nach Gaildorf bestellt und verließ diesen Posten 1819, um nach Weinsberg zu gehen. Hier blieb er, baute für sich und die Familie 1822 ein heute noch erhaltenes Haus und praktiziert bis zum Jahr 1851, als ihn seine durch Grauen Star bedingte nachlassende Sehkraft zur Aufgabe seines Berufes zwang. Noch elf Jahre lebte er in Weinsberg und verstarb am 21. Februar 1862. Beigesetzt wurde er auf dem örtlichen Friedhof neben seiner bereits 1854 verstorbenen „Rickele“ in einem noch heute erhaltenen Grab.
Viele Ehrungen wurden Justinus Kerner im Laufe seines Lebens und auch noch bis heute zu Teil. Eines seiner größten Verdienste ist sicher die erstmalige Beschreibung der bakteriellen Lebensmittelvergiftung (Botulismus), die er 1822 unter dem Titel „Das Fettgift oder die Fettsäure und ihre Wirkungen auf den thierischen Organismus. Ein Beytrag zur Untersuchung des in verdorbenen Würsten giftig wirkenden Stoffes“ veröffentlichte. Nicht zuletzt basierend auf dieser Arbeit verleiht der Ärzteverband des öffentlichen Gesundheitsdienstes des Landes Baden-Württemberg seit 1979 die Justinus-Kerner-Medaille.
Auch einen Justinus-Kerner-Preis gibt es, der seit 1990 an Menschen verliehen wird, die in den Bereichen Literatur, Medizin oder Heimat- und Denkmalpflege Herausragendes geleistet haben.
Am Präsentesten aber ist Justinus Kerner den meisten Menschen sicherlich als Namenspatron der weißen Rebsorte „Kerner“, die vor allem in Württemberg gepflegt und propagiert wird und deren Qualität in den letzten Jahren wieder mehr in den Vordergrund gerückt wird, nicht zuletzt durch die Einführung der speziellen Weinlinie „Justinus K.“ Eine Qualitätsinitiative, die die Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg ins Leben gerufen hat. Mit Hilfe dieser Linie soll dieser feinfruchtige und aromatische Wein wieder nach vorne gebracht werden und mehr Liebhaber finden.

Justinus Kerner als Dichter

Kerner stammte aus einer Weinlandschaft und die meisten Jahre seines Lebens verbrachte er in Weinsberg, einem Ort, der bis heute durch den Weinbau geprägt ist und offensichtlich war Justinus Kerner ein Freund des Rebensaftes. Viele Gedichte hat er diesem einzigartigen Getränk gewidmet, so etwa das 

„Trinklied im Juny“
Was duftet von des Berges Haupt
So tief ins Thal hinab?
Die Rebe ist's, die neubelaubt
Sich blühend hebt am Stab.
Was regt sich in des Hauses Grund
In den Gewölben tief?
Der Wein ist's, der in Fasses Rund
Schon längſt gebunden schlief.
Die Blüthe hat ihn aufgeregt,
Der Duft im Heimatland,
Daß er von Sehnsucht tiefbewegt
Will sprengen jezt sein Band.
Zwingherren, Freunde! sind wir nicht,
Bringt die Pokale her!
Und laßt den Armen jezt an's Licht,
Wie er es wünscht so sehr.
Hebt singend auf zu Berges Höh'
Den schäumenden Pokal:
Befreyter! deine Heimat seh'
Im Duft und Sonnenstrahl!
Seht, wie mit tausend Augen er
Die Heimat schaut entzückt,
Aus der die Rebe blüthenschwer
Ihm in die Augen blickt!
Er braust, er singt: „willkommen du,
„O Heimat voller Licht!
„Und jezt, ihr Lieben! trinkt nur zu!
„Ich bin der Lezte nicht!“
Du edler Saft! du dringst mit Macht
Uns in das Herz hinein!
Wohlan! stoßt an! du sollst gebracht,
Der theuren Heimat seyn!
Und dem, der irrt am fremden Strand,
Und dem in Kerkersnoth,
Daß ihm erschein' sein Heimatland,
Wie dir noch vor dem Tod.

Und an seinen Freund Ludwig Uhland schrieb er im Jahr 1818:

Treibt auch für jezt der Menschen Treiben
Mich dahin und dich dort hinaus,
Muß ich doch immer bey dir bleiben,
Ist ja dein Herz schon lang mein Haus.
So kommt es, daß in jeden Nächten
Ich jezt in Träumen bin bey dir,
Nicht über Rechte wir da rechten,
Von Lenz und Liedern sprechen wir.
Da liegt kein Rechtsbuch aufgeschlagen,
Kein Zeitungsblatt auf deinem Tisch,
Doch Heldenspiele, bunte Sagen,
Und deine Lieder hold und frisch.
Und hell dein Buch von Freundestreue
Dein Ernst, den keine Zeit verweht,
Da wird mir alles wieder neue,
Bis daß der schöne Traum vergeht.
Treibt dann der Menschen Treiben wieder
Mich dahin und dich dort hinaus,
So rufen fern mir deine Lieder:
Nur das ist deiner Heimath Haus.
Und wie so oft in Sommertagen
Die Rebe wieder Blüthen trägt,
Derselbe Wein, den sie getragen,
Sehnsüchtig sich im Fasse regt.
So regt, so oft als deinem Herzen
Neu des Gesanges Blum' erblüht,
Es sich in mir mit Lust und Schmerzen:
So hat dein Ernst erzeugt dieß Lied.

Und auch die Jahreszeiten verband Kerner mit dem edlen Rebensaft:

Im Herbst.
Eh' sie erstirbt, die Natur, die treue Mutter, noch einmal
Ruft sie die Kinder zu sich, reicht als Vermächtniß den
Wein.

Im Winter.
Fühlt, welch hohes Geschenk die sterbende Mutter zurückließ:
Schloß sie die Sonn' euch nicht liebend in glühenden
Wein?


Und selbst das Wandern ging bei Kerner nicht ohne einen guten Schluck:

Wanderlied.
Wohlauf! noch getrunken
Den funkelnden Wein!
Ade nun, ihr Lieben!
Geschieden muß seyn.
Ade nun, ihr Berge,
Du väterlich Haus!
Es treibt in die Ferne
Mich mächtig hinaus.
Die Sonne, sie bleibet
Am Himmel nicht steh'n,
Es treibt sie, durch Länder
Und Meere zu geh'n.
Die Woge nicht haftet
Am einsamen Strand,
Die Stürme, sie brausen
Mit Macht durch das Land.
Mit eilenden Wolken
Der Vogel dort zieht,
Und singt in der Ferne
Ein heimatlich Lied.
So treibt es den Burschen
Durch Wälder und Feld,
Zu gleichen der Mutter,
Der wandernden Welt.
Da grüßen ihn Vögel
Bekannt über'm Meer,
Sie flogen von Fluren
Der Heimat hieher,
Da duften die Blumen
Vertraulich um ihn,
Sie trieben vom Lande
Die Lüfte dahin.
Die Vögel die kennen
Sein väterlich Haus.
Die Blumen einst pflanzt er
Der Liebe zum Strauß,
Und Liebe die folgt ihm,
Sie geht ihm zur Hand;
So wird ihm zur Heimat
Das ferneste Land.


Selbst in einem Gedicht über den englischen König Georg durfte der Wein nicht fehlen:

König Georg von England im Jahr 1813.
Tief ergraut stieg Englands König
Von der Väter hohem Thron,
Legte Scepter, goldne Krone
In die Hand dem edlen Sohn.
Bald ihm Licht und Rede schwanden,
Einsam stand er in der Nacht,
Also von der Welt geschieden
Hat er Jahre zugebracht.
Plözlich glänzt des Greisen Auge
Einmal noch im alten Licht,
Wie die halb versunkne Sonne
Einmal noch aus Wolken bricht.
Auch die Rede kam ihm wieder,
Klang vollstimm'ger Harfe Ton,
Treue Diener horchten staunend,
Rufen den geliebten Sohn.
„Heil!“ so sprach der Sohn in Freude,
„Heil der himmlisch hohen Macht,
Die dich aus des Innern Nächten,
Einmal noch zurückgebracht!“
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„Weil' bis ich dein altes Leben,
Wie mit Wein und Frühlingsduft,
Mit viel süßer hehrer Kunde
Angefrischt in Kindeslust.“
Seit zur Ruhe dir vom Himmel
Schlummer auf die Sinne sank,
Eisenband mit wildem Donner
Vom bedrückten Erdball sprang!
„Nordlands Männer schwangen rächend
Eisen in der starken Hand,
Stürme brausten, Flammen tobten,
Zündeten im teutschen Land.“
„Unter ihren alten Eichen,
Wo sie banger Traum umfieng,
Sprangen auf die teutschen Männer,
Sprengten keck der Kette Ring.“
Drauf des Alten Auge glänzte
Mit des Nordsterns vollem Schein,
Den Pokal ergreift er eilend,
Trinkt in Lust viel gold'nen Wein.
Und er ruft in hoher Wonne,
Haltend zitternd den Pokal:
„Nordstern! aller Sonnen Sonne!
Leben trink' ich deinem Strahl!“
 „Leben euch, ihr alten Eichen,
Im urfesten, teutschen Land!
Männern, euch, in ihrem Schatten,
Schwerdt' in der gestählten Hand!“
„Brau's, o Meer, in Harfentönen,
Singe hohen Festgesang,
Daß der Hölle Macht zerschlagen,
Daß des Erdballs Kette sprang!“
„Was die Zeit in ihrem Laufe,
Endlich auch zur Welt gebracht,
Wandelte als volle Sonne
Längſt durch meine stille Nacht.“ —
Also sprach der Greis entzücket,
Aber kehrte d'rauf zur Stund'
Wieder in des Innern Nächte,
Nimmer spricht fortan sein Mund.
Doch sein Auge blicket immer
Als ein himmlisch milder Stern;
Treue Diener stehen wartend
Um den alten, edlen Herrn.


Vor allem, wenn er über seine Heimat schrieb, so war der Wein immer prominent vertreten, wie hätte es auch anders sein können in einer Region, wo man nur aus dem Fenster zu schauen braucht, um Weinberge zu sehen, wo man von ihnen umgeben ist sobald man Fuß vor die Türe setzt:

An Gangloffs Geist.
Weinsperg 1819.

Hier in diesen üpp'gen Feldern,
Rebenbergen, wolk'gen Wäldern,
Um das Maal der Frauentreu',
Wo du giengst in stillem Sinnen, —
Brennt es mich im Busen innen,
Werden alte Wunden neu.
Berg und Thale hör' ich fragen:
Hat er nicht auch dich getragen
Einst im Herzen liebewarm?
Kam er mit dir? — weh! und schauen
Muß ich deiner Tugend Auen,
Dann durch Thränen voll von Harm.
Aber die dein Geist erdachte,
Deine Hand in's Leben brachte
In dem Wein-bekränzten Thal,
Jene Bilder alter Zeiten
Seh' ich oft vorüber gleiten
Geistern gleich im Mondenstrahl.
Deine Helden, deine Frauen
Geh'n mit mir durch diese Auen
Noch im spaͤten Abendroth.
Flüstern: ist auch er verschwunden,
Was sein Geist, sein Herz erfunden
Raubt der Freundes-Brust kein Tod.

Im Herbste.
1823.

Hoch von Bergen tönt zu Thal
Freudenruf und Jubellied:
Sey gegrüßt du heil'ger Strahl
Der auch unsern Berg durchglüht.
Längs des Neckars, längs des Rheins
Tönet solcher Freude Schall,
Preißt den mächt'gen Gott des Weins,
Der gekröt die Hügel all'.
Evoe! Dem Gotte leer'
Ich auch dieses Glas mit Wein!
Gold des Neckars! — Doch woher
Fält ein Tropfen Blut hinein?
Freunde! Das ist Griechenblut!
Stellt Gesang und Jubel ein!
Blickt zu Thal, mit trübem Muth
Auf die Erde, kalt wie Stein.
Evoe, Ruf, der einmal
Froh getönt durch Hellas Land,
Töntest mir jezt Hellas Qual —
Und das Glas entfällt der Hand.

Sicher lassen sich noch viele viele weitere Beispiele finden, in den in Kerners Versen der Wein zum Thema wird, aber wir wollen es hier gut sein lassen.
Vielleicht nehmen Sie sich einfach mal einen Gedichtband von Justinus Kerner zur Hand, gießen sich dazu einen guten „Justinus K.“ ein und genießen den Wein mit allen Sinnen.

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