Tucholsky und der Wein



Weinrallye: Wein und Prosa – Tucholsky und der Wein 


 Ein Beitrag zur Weinrallye #88 vom 31. Juli 2015 Thema: “Wein und Prosa”ausgerichtet von Victoria Mölich auf dem Blog  http://blog.wein-reich.info/


Googeln Sie doch einmal ‚Wein und Prosa‘, einfach so, um eine Idee fürs Thema zu bekommen … und was haben Sie gefunden?
Einer der ersten Treffer, der Ihnen dort sicherlich entgegengetreten ist: Kurt Tucholskys „Das Wirtshaus im Spessart“. Ok., Wirtshaus macht jetzt Sinn, da wird es sicher Wein geben, von daher haben wir also schon einmal eine Verbindung hergestellt und ein Prosawerk ist das „Wirtshaus im Spessart“ von Herrn Tucholsky nun auch, also: das passt!
Aber warum nun ist das eigentlich ein so häufiger und von Google so favorisierter Treffer? Welchen Grund gibt es ausgerechnet dieses Werk vor so vielen anderen einzureihen, etwa vor denen Goethes, Schillers, Lessings und den ganzen anderen deutschen Dichtern und Denkern, die einem im Normalfall vor Tucholsky einfallen und die sicherlich auch Prosa und nicht nur Lyrik zum Thema Wein von sich gegeben haben?

Nun, sicherlich ist der Hauptgrund darin zu suchen, dass eines der berühmtesten Zitate zum Wein und vor allem das Zitat, das nicht zuletzt dank einer Firma, die sehr viele Dekoartikel und mehr oder minder hilfreiche und dekorative Hilfsmittel für Weinfreunde herstellt, schon seit Jahren eben ein Zitat Kurt Tucholskys quasi in den Mittelpunkt ihrer Weinkollektion gerückt hat und eben jenes Zitat stammt aus dem Prosawerk „Das Wirtshaus im Spessart“. Da haben wir sie also die Lösung!
(Ja, ich weiß, ich spanne jetzt diejenigen auf die Folter, die immer noch nicht wissen um welch berühmtes Zitat es sich handelt. Haben Sie ein wenig Geduld. Und für diejenigen, die es schon längst erraten haben: Lesen Sie doch einfach weiter, vielleicht erfahren Sie ja noch etwas, dass Sie bislang nicht wussten. Und übrigens, ACHTUNG!: Das wird jetzt eine längere Geschichte und ich empfehle Ihnen daher ganz klar sich jetzt einen guten Wein zu holen, ihn zu öffnen, einzugießen und während des Lesens zu genießen, so bleiben auch Sie erstens immer beim Thema, denn das hier ist Prosa und Sie trinken einen Wein und zweitens verdursten Sie mir dann während des Lesens auch nicht, also mache ich mal eine kurze Pause, damit Sie sich den Wein aus dem Keller holen können.) ______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
 
(Sind Sie wieder da? Haben sie eingegossen? Gut, dann können wir ja jetzt beginnen:)
Kommen wir erst einmal zu Kurt Tucholsky … wer war dieser Mann eigentlich? Nun Wikipedia gibt uns da eine kurze und prägnante Einordnung: „Kurt Tucholsky (*9. Januar 1890 in Berlin † 21. Dezember 1935 in Göteborg) war ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Er schrieb auch unter den Pseudonymen Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel.“ Damit hätten wir also schon einmal die Lebensdaten geklärt und den Beruf des Herrn. Bekannt sind den meisten wohl seine beiden Romane „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“ und „Schloß Gripsholm. Eine Sommergeschichte“, die auch beide verfilmt worden sind („Schloß Gripsholm“ sogar inzwischen zweimal).
Die Kurt-Tucholsky-Info-Seite im Internet nennt ihn einen „Mahner seiner Zeit“ und eine „Inspiration der unsrigen“ und setzt der Seite ein prägnantes und charakteristisches Tucholsky Zitat vorweg. „Nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und zu sagen: Nein!“
Als Kind jüdischer Eltern war Tucholsky in Berlin-Moabit aufgewachsen, er hatte das Gymnasium besucht und nach dem Abitur im Jahr 1909 ein Jurastudium begonnen. Aber die Literatur war es, die ihn wirklich faszinierte und der er viel Zeit und Aufmerksam widmete. Dennoch gelang es ihm sein Jurastudium 1914 mit einer Dissertation über Hypothekenrecht (welch fesselndes Thema) abzuschließen. Aber die juristische Laufbahn war nicht die seine. Journalistische Arbeiten waren es, die ihn zu diesem Zeitpunkt deutlich mehr interessierten und seine erste Erzählung „Rheinsberg“, die deutlich autobiographische Züge trägt, erschien im Jahr 1912.
Wichtig für seine weitere Arbeit wurde vor allem seine Tätigkeit für die „Weltbühne“, die zunächst noch „Schaubühne“ hieß. Dieser linksliberalen Theaterzeitschrift blieb er über Jahre verbunden und schrieb diverseste Artikel.
Den ersten Weltkrieg verbrachte Tucholsky an der Ostfront und brachte dort eine Feldzeitung heraus [1]
mit dem Titel „Der Flieger“. Über seine Jahre im Krieg sagte er später in einem Interview: „Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Kriege gedrückt, wo ich nur konnte. […] ich wandte viele Mittel an, um nicht erschossen zu werden und um nicht zu schießen – nicht einmal die schlimmsten Mittel. Aber ich hätte alle, ohne jede Ausnahme alle, angewandt, wenn man mich gezwungen hätte: keine Bestechung, keine andre strafbare Handlung hätt' ich verschmäht. Viele taten ebenso.“
Wichtig wurde vor allem eine Begegnung, die er in diesem Krieg hatte: die mit dem Juristen Erich Danehl. Dieser Erich Danehl begegnet immer wieder in den Werken Tucholskys. Sein Pseudonym ist „Karlchen“ und wir finden dieses „Karlchen“ nicht nur in „Schloss Gripsholm“, sondern auch im „Wirtshaus im Spessart“. (Sie sehen also, wir sind immer noch beim Thema „Wein und Prosa“ und ich verspreche auch, dass uns Karlchen gleich nochmal begegnen wird).
Nach dem Krieg verdingte sich Tucholsky erst einmal als Chefredakteur des „Ulk“, einer Satirezeitschrift, die bereits 1872 vom Berliner Verleger Rudolf Mosse begründet worden war. Für die „Weltbühne“ arbeitete er weiterhin und damit es nicht so auffiel wieviel Artikel er dort wirklich veröffentlichte legte er sich die oben bereits genannten Pseudonyme zu. Wer hätte auch geglaubt, dass ein Mann zu wirklich jedem Thema etwas zu sagen hat und obendrein auch noch Gedichte schreibt? Das war doch nun wirklich eigentlich zu viel.
Wenn man Tucholsky selber fragt, wie er eigentlich zu den lustigen Namen gekommen ist, unter denen er so seine Meinungen zu Gott, der Welt und allem anderen verfasste, dann sagte er: „Die alliterierenden Geschwister sind Kinder eines juristischen Repetitors aus Berlin. […] Die Personen, an denen er das Bürgerliche Gesetzbuch und die Pfändungsbeschlüsse und die Strafprozeßordnung demonstrierte, hießen nicht A und B, nicht: Erbe und nicht Erblasser. Sie hießen Benno Büffel und Theobald Tiger; Peter Panter und Isidor Iltis und Leopold Löwe und so durchs ganze Alphabet. […]
Wrobel – so hieß unser Rechenbuch; und weil mir der Name Ignaz besonders häßlich erschien, kratzbürstig und ganz und gar abscheulich, beging ich diesen kleinen Akt der Selbstzerstörung und taufte so einen Bezirk meines Wesens.“[2]
In den Jahren der Weimarer Republik war Tucholsky politisch, journalistisch und vor allem satirisch stark engagiert. Er ging mit allen ins Gericht, sparte nicht an Kritik über die Zustände, ließ sich scheiden, heiratete und ging nach Paris und in viele andere Städte der Welt, ganz wie sein großes Vorbild Heinrich Heine, jener Düsseldorfer Schriftsteller, der für seine satirisch bösen und so treffenden Kommentare und Werke auch heute noch berühmt ist. (Sie sollten mal das Buch „Heine für Bösartige“ lesen, aber Achtung: manchmal bleibt einem das Lachen dabei im Halse stecken.)
Zwischen 1927 und 1928 erschienen vor allem Reisebeschreibungen von Tucholsky, so wie eben „Das Wirtshaus im Spessart“ (ja, wir sind immer noch beim Thema). Auch politisch äußerte er sich weiterhin und blieb kritisch den herrschenden Verhältnissen gegenüber. Wieder einmal ließ er sich auch scheiden und veröffentlichte 1931 den kurzen Roman „Schloß Gripsholm“.
Schon früh, zu Beginn der 1930er Jahre, wurde Tucholsky klar, dass die Republik und die Demokratie in Deutschland nicht zu retten waren, dass eine Gefahr heraufzog, die nicht mehr aufzuhalten war und so verlegte er seinen Wohnsitz nach Hindâs bei Göteborg, in eine Villa, die er bereits 1929 gemietet hatte.
Seit 1931 wurde er stummer, ihn quälten nicht nur das Ende einer Beziehung und der Tod eines Freundes sondern auch seine Gesundheit. In der Weltbühne erschienen nur noch „Schnipsel“ – Aphorismen zu verschiedensten Themen, darunter auch dieser: „An einem Rausch ist das schönste der Augenblick, in dem er anfängt - und die Erinnerung an ihn.“ (wir sind also immer noch beim Thema).
1933 dann wurde die Weltbühne von den Nationalsozialisten verboten, Tucholskys Bücher wurden verbrannt und ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Sein bissiger Kommentar zum Thema war: „Daß unsere Welt in Deutschland zu existieren aufgehört hat, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Und daher: Werde ich erst amal das Maul halten. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an.“[3]
Am 14. Oktober 1965 kam Tucholsky ins Krankenhaus, wegen Magenbeschwerden, dort erhielt er Schlafmittel, die er am 20. Dezember 1935 in einer Überdosis nahm und so sein Leben beendete. Ob er dies nun freiwillig tat oder ob es ein Versehen war, das wird wohl nie mit letzter Sicherheit zu klären sein. Begraben wurde er nahe Schloss Griphsholm, ein treffender Ort, nur den von ihm selbst vorgeschlagenen Grabspruch bekam er nicht: “Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze. Gute Nacht-!“
So, über den Verfasser Herrn Kurt Tucholsky wissen wir nun also einiges und wie steht es nun mit dem Wirtshaus im Spessart? Ist das nicht eigentlich der Titel eines ganz anderen Buches, irgendwie und überhaupt …
Ja, sie haben recht: der Titel „Wirtshaus im Spessart“ ist eigentlich aus einem anderen Zusammenhang bekannt. Vor allem die älteren unter uns denken bei dem Titel wohl zuerst an die Filmkomödie von Kurt Hoffmann mit Liselotte Pulver und Carlos Thompson in den Hauptrollen, die im Jahr 1958 (hüstel, so alt bin ich denn dann doch noch nicht …) verfilmt wurde (übrigens: Es soll auch schon 1923 einen Film mit diesem Titel gegeben haben, gedreht von Adolf Wenter, von dem nicht mehr bekannt ist, als dass er Schauspieler und Regisseur war und 1933 gestorben ist. Über den Film ist auch nichts herauszufinden, ein Kassenschlager scheint er also nicht gewesen zu sein, aber das nur so am Rande). Die besonders Belesenen werden auch vielleicht an die Novelle von Wilhelm Hauff denken, die ebenfalls den Titel „Das Wirtshaus im Spessart“ trägt und die in der Tat noch älter ist (sie stammt aus dem Jahr 1826).
Nachdem also so viel Verschiedenes unter dem Titel „Das Wirtshaus im Spessart“ erschienen ist, fällt es nicht mehr ganz so schwer zu akzeptieren, dass auch Kurt Tucholsky ein Werk verfasste, das diesen Titel trägt. Gekommen ist es zu diesem Werk, als Tucholsky im Jahr 1927 eine weinselige Fahrt durch den Spessart unternahm, gemeinsam mit seinen beiden Freunden Jacopp und Karlchen (sie erinnern sich vielleicht? Ja, genau: „Karlchen“ ist dieser Jurist, den er im 1. Weltkrieg kennengelernt hatte. Ich hatte Ihnen doch versprochen, dass der nochmal auftauchen wird.) Veröffentlicht hat Tucholsky diese Reisebeschreibung unter dem Pseudonym „Peter Panter“ und nun nähern wir uns auch langsam der Auflösung des obigen Rätsels, denn der berühmte Satz, der überall im Zusammenhang mit Wein genannt wird, der entstand in Iphofen, einer kleinen Stadt im unterfränkischen Landkreis Kitzingen. Hier gibt es bis heute Weinbau und diverse Winzer und sogar das berühmte Würzburger Juliusspital hat hier Weinberge. Die mineralischen Keuperböden bedecken hier so bekannte Lagen wie „Iphöfer Julius-Echter-Berg“ oder „Iphöfer Kalb“. Eine gute Adresse also, wenn man gerne mal ein Weinchen trinkt und durch mit Freunden durch die Lande zieht, man hätte es deutlich schlechter treffen können. Kein Wunder also, dass auch Kurt Tucholsky hier über einen Tropfen stolperte, der ihn zu einem der berühmtesten Weinzitate überhaupt inspirierte. Und jetzt löse ich das Rätsel endlich auf und gönne Ihnen das Zitat im Ganzen:
„Iphofen; Montag. Ich werde mich hüten, aufzuschreiben, wo wir gewesen sind. Als wir das erste Glas getrunken hatten, wurden wir ganz still. Karlchen hat eine ›Edelbeeren-Trocken-Spät-Auslese‹ erfunden, von der er behauptet, sie sei so teuer, dass nur noch Spinnweben in der Flasche ... aber dieser war viel schöner. Ein 21er, tief wie ein Glockenton, das ganz große Glück. (Säuferpoesie, Säuferleber, die Enthaltsamkeitsbewegung – Sie sollten, junger Freund ... ) Das ganz große Glück. Das Glück wurde noch durch ein Glanzlicht überhöht: der Wirt hatte einen 17er auf dem Faß, der war hell und zart wie Frühsommer. Man wurde ganz gerührt; schade, dass man einen Wein nicht streicheln kann.
Ich hoffe Sie haben  nun noch einen guten Schluck in der Flasche und hoffentlich ist auch der so gut, dass Sie Ihn eigentlich streicheln möchten, auch wenn es kein „17er“ ist.



[1] Ignaz Wrobel: Wo waren Sie im Kriege, Herr –? In: Die Weltbühne. 30. März 1926, S. 490.
[2] Start. In: Mit 5 PS. Berlin 1928, S. 12f.
[3] Kurt Tucholsky: Politische Briefe. Reinbek 1969, S. 16.

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